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Verallgemeinerungen und Verloren gehen

Autor: HannahNehls | Datum: 09 Dezember 2016, 15:23 | 1 Kommentare

Liebe LeserInnen,

im Folgenden habe ich zwei Einträge einfach zusammengeschnitten. Sie gehören thematisch nicht zusammen, sind aber beide aktuell. Aufgrund der schlechten Internetverbindung werde ich beide zusammen hochladen, wissend, dass es jetzt sehr lang ist. Eine gute Lesezeit!

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Achtung! Hier kommt ein Text, den ich, obwohl ich es versuchen werde, nicht ohne Verallgemeinerungen und Klischees schreiben kann! Wer dies als rassistisch empfindet, sollte lieber jetzt aufhören zu lesen. Ich werde meine subjektive Sicht darstellen, die davon geprägt ist, was ich kenne und noch viel mehr davon, was ich nicht kenne, dies bitte ich zu entschuldigen. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, wie ich hier ständig beweisen muss. Einige meiner Sätze werden „in Tansania“ und „in Deutschland“ beinhalten, wissend, dass ich nicht für so viele Menschen auf einmal sprechen kann; ahnend, dass es oft nicht so ist, wie ich es darstelle.


Es soll um die offensichtlicheren der Unterschiede zwischen den beiden Ländern gehen. Natürlich gibt es viele Gemeinsamkeiten, dennoch bleiben die Unterschiede, vorallem die, die einem sofort auffallen,  viel mehr in meinem Gedächtnis. Wichtig bei diesem Thema ist aber, dass nicht entscheidend ist, was uns trennt, sondern was uns eint.

Ich bin viel zu kurz erst hier, um die wahren, tiefen Unterschiede zwischen den beiden Kulturen zu erkennen oder gar zu begreifen. Dennoch stellt sich langsam das gleiche Gefühl ein, welches ich auch aus Ecuador kenne: Je mehr Swahili ich verstehe und je länger ich hier bin, je mehr ich verstehe WAS gesagt wird, desto weniger verstehe ich die Menschen hier und WARUM das gesagt wird, was eben gesagt wird. Kultur ist ein unglaublich vielschichtiges, sich ständig bewegendes Gebilde, Kultur sind Floskeln, Formalien und Familienstrukturen, Kultur ist Essen, Trinken, Sprache, Gastfreundschaft, Musik, Kunst und so vieles mehr. Manche kennen vielleicht das Zwiebelmodell, das die Kultur als vielschichtiges Gemüse beschreibt. Zum Weinen ist das aber gar nicht.

Ein großer Unterschied sind die Begrüßungen und die damit verbundenen Hierarchien. Ich begrüße den Pfarrer mit dem respektvollen Gruß „Shikamoo“ (der keine Übersetzung hat, ursprünglich bedeutete es mal sowas wie „Ich küsse deine Füße“), gebe ihm brav die rechte Pfote, wobei ich mit der linken Hand meinen rechten Arm berühre und leicht in die Knie gehe. Währenddessen begrüße ich meinen Nachbarsjungen mit einem lockeren „Mambo“ (Übersetzung: „Dinge“ frei: „What’s up“) und einem nach oben gereckten Daumen.

Ein weiterer Unterschied ist, dass ich noch keinen ungläubigen Tansanier getroffen habe. Religion (ob Islam, Christentum oder anderes) spielt eine Rolle in eines jeden Alltag. Hier, in meinem christlichen Umfeld, stehen neben Morgenandacht und Gottesdienst am Sonntag auch Gebete vor und nach dem Essen, vor und nach Versammlungen (auch beim Chor zum Beispiel) auf dem Pflichtprogramm. Die Leute gehen viel offener mit ihrer Religion um, sodass häufig beim Kennenlernen schon, gleich nach dem Alter die Frage nach der Religionszugehörigkeit kommt.

Auch das Zeitenverständnis war/ist für mein deutsches Pünktlichkeitsbedürfnis kompliziert. Ich durchblicke noch nicht, wann man pünktlich sein muss (die morgendliche Andacht zum Beispiel startet immer zur angesagten Zeit) und wann man noch schnell was anderes machen kann (der Chor startet regelmäßig eine halbe Stunde zu spät, manchmal auch eine Stunde). Das allein wäre ja schon genug Verwirrung für mich, dazu kommt aber noch, dass die Tansanier die Stunden anders zählen. So ist die erste Stunde die Stunde nach dem Sonnenaufgang, was eigentlich ja auch viel mehr Sinn ergibt als unsere Zeiten. 7 Uhr früh ist also 1 Uhr, 8 Uhr ist 2 Uhr und so weiter. Obwohl wörtlich „Stunde zwei“ gesagt wird, wird aber dennoch 8:00 aufgeschrieben. Zeiten verabreden ist also immer eine kleine Matheaufgabe.

Der letzte Unterschied, den ich hier vorerst ansprechen möchte, wobei ich mir der Unvollständigkeit bewusst bin, ist das Verständnis für Familie. Familie ist hier viel mehr als Blutsverwandete. „Mama Mdogo“ („Kleine Mama“) und „Mama Mkubwa“ („Große Mama“) sind die jeweils älteren oder jüngeren Schwestern der Mutter, die oft auch eine Mutterrolle übernehmen. Oft ist es für mich völlig unklar, wer alles in einem Haus wohnt, häufig wuseln dort so viele Menschen rum die irgendwie alle „ach, eine Nichte“, „ach, ein Cousin“ oder „ach, noch eine der Mamas“ sind. Fremdelnde Kinder habe ich noch nicht getroffen, die scheinen es gewohnt zu sein, nicht jede Sekunde bei der leiblichen Mutter zu verbringen.
Ich hätte nie gedacht, dass ich hier jemandem mal nah genug stehen würde, um Mama, Baba (Papa), Dada (Schwester) oder Kaka (Bruder) zu sagen. Fakt ist aber, dass ich auf dem Markt überall verstreut meine Mamas und Dadas und Kakas habe, die ich auch so anspreche und bei denen ich einkaufe. Außerdem ist es unheimlich praktisch, man kann so jemanden direkt ansprechen, ohne den Namen zu kennen (und muss nicht wie in Deutschland sich räuspern und „Ähhh entschuldigung…“ sagen). Auch viele Leute, die ich kenne, spreche ich mit Mama an. Mama Elisha, Mama Edson , Mama Lisa… Kennt man die Familie, wird hinter das Mama (oder das Baba) der Name des Erstgeborenen gehängt, sodass ich oft den eigentlichen Namen der Leute gar nicht kenne.


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Dies war der erste Streich und der zweite folgt zugleich. [Wie gesagt, ohne gute oder schlechte Überleitung und generell ganz blöd verknüpft]

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Verloren gehen ist die passive Form von verlieren. Etwas oder jemand geht verloren, unwillentlich und muss gesucht und will gefunden werden. Verlieren ist zweideutig. Man kann etwas oder jemanden (kurzweilig) verlieren, sodass der „Verlierer“ den physische Ort des Verlorenen nicht mehr kennt, oder aber man verliert viel ungreifbarere Sachen wie ein Spiel, einen Wettstreit, seinen Charme oder einen Menschen. Man kann auch sich selbst verlieren, entweder in einer Sache oder in der Ganzheit. Der kleine Fritz wird im Kaufhaus aufgerufen, seine Mama soll ihn doch bitte an der Info abholen. Meine Eltern finden mal wieder den Schlüssel nicht. Jemand in der Bande hat schon wieder eine Wette verloren. Und „Du verlierst dich“ ist kein Satz, den man gerne hört.

Verlieren wie auch verloren gehen sind also, wie oben aufgeführt, meist negativ assoziiert, werden mit endlosem Suchen, Trauer oder Verlust verbunden.

Ich möchte im Folgenden nur auf einen Aspekt eingehen, und zwar auf den kleinen Fritz. Es geht mir hier nur darum, was passiert, wenn jemand physisch verloren geht. Alles andere will ich außer Acht lassen. Ich gehe hier nämlich ständig verloren. Da ich viel Zeit habe gehe ich viel wandern und klettern. Beim Klettern kann ich nicht verloren gehen, da habe ich ja immer die Klippe vor Augen. Ganz anders ist es, wenn ich mich von der vertrauten Klippe abwende und über die Felder stapfe. Es ist fast unglaublich, wie viele kleine Trampelpfade es mitten im Nichts gibt, die alle irgendwo hin führen. Und als ich mal wieder gestern aus einem 45 minütigen Weg durch einen „kleinen“ unbekannten Umweg drei Stunden brauchte, war ich zunächst beunruhigt als ich keine Ahnung mehr hatte, wo ich war und mir kaum noch Menschen entgegenkamen. Wenn man verloren geht dann fängt man an, an die verrücktesten Dinge zu denken. „Könnte ich hier schlafen ohne gefressen zu werden?“ „Sind diese Beeren wohl giftig?“ „Wo finde ich Wasser?“ und „Ach Scheiße, hätte ich mich mal nicht verlaufen!“. Man ist unsicher und sehnt sich nach Vertrautem. Es liegt wohl in unserer Natur, dass wir immer wieder zurückkehren müssen. Dass wir immer wissen wollen, wo wir sind und wenn wir es mal nicht tun, zücken wir Googlemaps im Smartphone, lesen Schilder und versuchen uns zu orientieren. Verloren gehen bedeutet auch, dass die anderen nicht wissen, wo man ist. Beim kleinen Fritz ist das sicher schlimm, für ihn und besonders für seine Eltern. Wenn man ohnehin allein unterwegs ist, wie in meinem Fall, ist das schon weniger schlimm.

Nachdem ich mir schließlich eingestehen konnte, dass ich verloren war und wohl nicht so bald ankommen würde, war ich ganz angetan von dem, wohin meine Füße mich trugen, weil meine Augen ganz neue Dinge sehen konnten. Wäre ich nicht verloren gegangen, hätte ich niemals das Mangofeld gefunden, in dem ich mir einen Baum gesucht habe, auf dem ich rasten und eine Mango naschen konnte. Ich wäre niemals zu dem schönsten Bachlauf gekommen, den ich bis jetzt hier in Tansania gesehen habe. Zwei Kuhherden wären mir entgangen, von denen die eine Herde sich strikt nicht von meinem Pfad wegbegeben wollte, woraufhin ich laut klatschend mich durch die Kühe zwängen musste (der Applaus war weniger Applaus für irgendwen, als Lärm, um den Kühen zu zeigen wer hier der big Boss ist!). Mir wäre entgangen, ganz laut „Dada Hannah!“ hinter mir zu hören und eins meiner Kindergartenkinder zu sehen, das mir strahlend entgegen kam, mitten in der Pampa. Und mir wäre entgangen, wie mich, als ich endlich (und völlig überraschend von einer komplett anderen Seite) in der Nähe des Krankenhauses war, eine Mitarbeiterin traf, die mich dafür lobte und beeindruckt war, dass ich diesen Weg schon „kenne“. Hätte ich das richtig stellen müssen…?

Verloren gehen ist also ganz essentiell um Neues zu entdecken, um über den Tellerrand zu linsen und um eine Gegend kennenzulernen. Dem Verlieren gegenüber steht das Finden. Fritz wird letzendlich von der Mama abgeholt, meine Eltern finden den Autoschlüssel in einer Hosentasche in der Wäsche, der, der aus der Bande, der die Wette verloren hat, findet eine Lösung seine Wettschulden zu begleichen und letztendlich kann man sich auch selbst finden (dazu gibt es ja mittlerweile tausend Ratgeber und Gurus).

Der kleine Fritz hat vielleicht auch ganz neue Sachen gefunden, als er verloren war und war auf Entdeckungsreise. Wahrscheinlich so lange, bis er erkannt hat, dass er verloren war. Denn dann setzt die Panik ein, es sei denn, man nimmt es hin. Hierzu haben mir meine Eltern eine schöne Geschichte von einem pfiffigen Kind in unserer Familie erzählt. Besagtes Kind war mit den Großeltern unterwegs und ging verloren. Und als die beiden den Dreijährigen schließlich wieder fanden und meinten „Warum läufst du denn weg?“, da meinte er ganz unschuldig: „Wieso? Ihr wart ja weg! Ich war bei mir.“

Wie Ihr seht, stufe ich das, was hier passiert (und alles, was aus meinem schlechten Orientierungssinn resultiert) liebevoll als „wichtige Erfahrung“ ein. Ich bin hier oft verloren, bin eben nur bei mir. Dem sei Dank kenne ich mittlerweile die Gegend ganz gut. Gefunden habe ich mich aber noch nicht, das dauert wohl noch.

Danke für’s Lesen!

  

 

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Kommentare

  1. 1. Frank Beier  |  17 Januar 2017, 09:14

    Dr. Frank Beier Tiefenstr. 4
    33824 Werther
    SilkeFrankB@web.de
    +49(0)5203-296971
    Liebe Hannah Nehls!
    Ich habe mich darüber gefreut, dass die VEM wieder Freiwillige nach Ndolage schickt und auch schon Ihren Blog mit Interesse gelesen. Ich denke, dass Ndolage ein sehr guter Ort ist, um in die afrikanische Kultur einzusteigen, auch weil es dort viele Menschen gibt, die sich in Europäer hineinversetzen können. Mwesigwa Rubunga und Edson Dominik, die ich auf Ihrem Foto unten vom Wasserfall entdeckt habe, gehören sicherlich dazu. Hat Edson Sie schon einmal zum Geburtshaus seines Vaters geführt? Es ist ein klassisches altes Haya-Haus, eine „Mushonge“.
    Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Zeit in Ndolage!
    Viele Grüße auch an Mwesigwa, Edson, deren Familien und sonst alle!
    Frank Beier

 

 

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